Die Rubrik Aus der Forschung konzentriert sich auf Beiträge und Studien aus der empirischen Forschung.

 

Lena Barth, Paul Kaiser, Gonca Tuncel-Langbehn, Barbara Rüttner und Lutz Götzmann

Abstract: Vor dem Hintergrund einer Globalisierung einerseits und Nationalisierung andererseits erhält die Frage der Ambiguitätstoleranz, d.h. des Ertragens von kultureller Vieldeutigkeit und Vagheit ein besonderes Gewicht. Was Ambiguitätstoleranz in einer Gruppe von 50 jungen, in Deutschland lebenden Muslim*innen bedeutet, wird in der vorliegenden qualitativen Studie untersucht. Eine hohe Ambiguitätstoleranz wird in den Interviews wesentlich häufiger erwähnt als eine geringe Ambiguitätstoleranz mit Tendenzen zu einer (religiösen) Radikalisierung. Die Wertschätzung verschiedener Kulturen und Lebensstile sowie eine gewisse Resilienz gegenüber Diskriminierungen gehen mit einer hohen Ambiguitätstoleranz einher. Es ist aber auch möglich, dass trotz Ambiguitätstoleranz die entsprechenden Einstellungen ambivalent bleiben. Ein Mangel an Halt, diffizile interpersonelle Konflikte (vor allem in der eigenen Familie) sowie die Hinwendung zur Religion treten gemeinsam mit Äußerungen zur Ambiguitätsintoleranz auf. In den Kasuistiken vertieft sich der Eindruck, dass Ambiguitätstoleranz in triadisch strukturierten, als Kollektiv funktionierenden Familien begünstigt wird, während frühe traumatische Erfahrungen und emotionale Distanz in Krisen eine geringe Ambiguität fördern, insbesondere in der Adoleszenz. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Ambiguitätstoleranz sowohl auf Seiten des aufnehmenden Landes wie der Migrant*innen.

Keywords: Integration, Ambiguität, Identität, Ausgrenzung, Radikalisierung

Veröffentlicht: 18.10.2021

Brigitte Boothe

Abstract: Im therapeutischen Kontext kommt es zum Erzählen und Mit-Erzählen. Erzählen lässt sich als Redegattung verstehen, die Ereignisse und Prozesse sprachlich bündelt und als dramaturgisch organisierte Dynamik zur Darstellung bringt, als adressierte Botschaft und als Gestaltungsprozess, der sich ko-konstruktiv vollzieht. Erzählen schafft einen Selbst- und Weltbezug in Erste-Person-Perspektive. Im Folgenden geht es Ermächtigung und Entmächtigung im narrativen Kontext und das Unbewusste in therapeutischer Kommunikation.

Keywords: Erzählen in der Psychotherapie, Krankengeschichte als Erzählung, Erzählung und Deutungsmacht, Unverfügbarkeit und Selbstermächtigung

Veröffentlicht: 18.10.2021