Michael Meyer zum Wischen

Abstract: In diesem Text möchte der Autor den Begriff der Atopie aus der Perspektive des Werkes von Jacques Lacan lesen. Das A privatium als Buchstabe für die Entortung des Subjekts kann dabei dreifach aufgefasst werden: als Letter des großen Anderen, des kleinen anderen und des Objektes a. Damit kann die Dezentrierung des Subjekts von drei Enden begriffen werden: vom Symbolischen, Imaginären und Realen her. Diese Dimensionen sind jeweils in einer besonderen Weise (sinthomatisch) miteinander verknüpft. Das heißt, dass jeder Einzelne seine eigene Atopie ausbildet. Der Autor bezieht sich bei der Entwicklung dieses Zugangs auf Lacans Lektüre der Freudschen Traumdeutung sowie des Diktums: „Wo Es war soll Ich werden“ - oder vielleicht besser mit Lacan gewendet: „Wo es war, soll ich werden.“?

Keywords: Atopie, Traumdeutung, RSI, Subjekt, „Wo Es war soll Ich werden“

Veröffentlicht: 18.10.2021

Artikel als Download: pdfY-Die fundamentale Atopie des Subjekts bei Lacan

 

Im XI. Seminar – dem Buch über die Grundbegriffe der Psychoanalyse – kommt Lacan auf den ethischen Imperativ Freuds zu sprechen. „Wo Es war soll Ich werden“ – so wird er meist formuliert; in dem Sinne, das mehr oder weniger vernünftige Ich solle das irrationale und triebhafte Es ersetzen (Lacan 1996, S. 50 ff.). Lacan ist noch am Beginn des Seminars, er führt zuerst das Unbewusste ein, als ersten Grundbegriff, zusammen mit dem der Wiederholung. Seine ersten Seminare waren schließlich davon bestimmt, der Lehre vom Unbewussten bei Freud wieder ihren zentralen Rang zu geben und von ihr aus, eine Theorie des geteilten Subjekts zu entwickeln.

Warum unterstreicht Lacan im Zusammenhang mit dem Unbewussten die Wiederholung? Lacan bezieht sich auf den Traum vom brennenden Kind in der „Traumdeutung“ (Freud 1900. S. 513 ff.). Er spricht von einem Jenseits, aus dem das tote, vom Vater dem Feuer ausgelieferte Kind zu ihm spricht. Er beschreibt so einen vom Subjekt des Unbewussten traumatisch entrückten realen Verlust, hier zwischen Vater und Sohn, der dieses Subjekt durch eben diese verfehlte Begegnung zu seinem Begehren führt. Die Wiederholung ist für ihn die Wieder-Holung der traumatisch verfehlten Begegnung mit der Ursache des Begehrens.

„Der Traum bedeutet ja durchaus nicht, dass das Kind noch lebe. Vielmehr weist das tote Kind, das seinen Vater am Arm packt, ein entsetzliches Bild, auf ein Jenseits hin, das sich im Traum vernehmen läßt. Das Begehren wird Gegenwart aus dem Bild gewordenen Verlust des Objektes heraus, der auf das Grausamste gesteigert erscheint … Im Folgenden geht es darum, den Ort des Realen zu bestimmen, der vom Trauma zum Phantasma führt – sofern nämlich das Phantasma immer nur einen Schirm darstellt, dessen Funktion es ist, ein absolut Erstes, in der Funktion der Wiederholung Determinierendes jedem Zugriff zu entziehen“ (Lacan 1996, S. 65–66).

Wir merken hier, dass Lacan hier bereits die drei Terme bestimmt, die auf dem Feld des Unbewussten, des Traums, das Subjekt dislozieren: es sind dies erstens das dem Zugriff entzogene Jenseits des realen Traumas, zweitens das immer sein Objekt verfehlende, wiederholende symbolische Begehren und drittens das imaginäre Traumbild, bzw. das Phantasma, die das Subjekt von seinem Ursprung entrücken.

Durch das Unbewusste ist das Subjekt immer an einen anderen Ort versetzt als den, wo es sich vermutet. Wenn Freud zum Beispiel in seiner Bahnkonversation, die er in der Psychopathologie des Alltagslebens schildert, den Namen des Schöpfers der Fresken von Orvieto, Signorelli, nicht erinnert – eine paradigmatische unbewusste Fehlleistung – führt das zu einem anderen Ort, der ihn bestimmt, von dem er aber nichts wissen will (Freud 1904, S. 5 ff.). Es ist der Signifikant Herr, der Name des absoluten Herren, der seine ärztliche Allmacht einschränkt. Lacan dazu im V. Seminar:

„Herr ist zu dem Symbol geworden, vor dem seine Meisterschaft als Arzt scheitert, das Symbol des absoluten Herrn, das heißt des Übels, das er nicht heilt – der Patient begeht trotz seiner Bemühungen Selbstmord – und um alles zu sagen, Symbol des Todes und der Impotenz, die ihn Freud, persönlich bedrohen“ (Lacan 2006, S. 65).

Freuds Begehren bestimmt sich hier also als Begehren, auch angesichts von Impotenz und Tod, sich dem Kern des Übels anzunähern, nicht einfach ärztlich zu heilen, sondern zu analysieren. Davon will aber der Narzissmus des Arztes Freud nicht wissen. Gleichzeitig ist in der Fehlleistung sein eigentliches Begehren enthalten. Auch hier klaffen Trauma, Begehren und (Selbst)Bild auseinander und machen eine Lokalisierung des Subjekts an einem definitorisch festlegbaren Ort unmöglich.

Nachdem Lacan also bereits in den 50er Jahren das Subjekt als Subjekt des Signifikanten (und damit als Effekt der sprachlich-differentiellen Ordnung) bestimmt hat, greift er nun im zuerst zitierten XI. Seminar den Freud’schen Satz auf und liest ihn neu:

„Das Subjekt aber ist da, um sich wiederzufinden là où c'/da wo es – ich greife vor – était le réel/das Reale war. Ich will sofort erklären, was ich da gesagt habe, wer schon länger zu meinen Hörern zählt, weiß, dass ich gerne die Formel – die Götter sind aus dem Feld des Realen – verwende. Là, où était, das Ich – das Subjekt, nicht die Psychologie – le sujet doit advenir/soll das Subjekt ankommen. Wo es war soll ich werden“ (Lacan 1996, S.50).

Diese Lektüre ist uns jetzt etwas nachvollziehbarer. Das Subjekt muss, um zu seinem, nicht abschließbaren Begehren zu gelangen, den Weg über das immer bereits entrückte Feld des Traumas gehen, das ihm zugleich entzogen bleibt – also eine Unmöglichkeit, der die Darstellung des Traums imaginär abzuhelfen sucht. Der Traum ist Darstellung einer Wunscherfüllung und zugleich Wiederholung des Traumas, um es immer wieder neu bearbeiten zu können. Beide große Traumtheorien Freuds treffen bei Lacan zusammen. Man könnte auch sagen: das Unbewusste, das sich in Traum und Fehlleistung manifestiert, ist die Behandlung des nicht heilbaren Risses im Subjekt, der es von Grund auf entortet.

Der Traum als „anderer Schauplatz“ (Freud 1900, S. 535) ist damit für Lacan die entscheidende Bühne eines „Anderswo“ (Lacan 1991, S. 177) der Entortung des Subjekts durch den Anderen, seiner fundamentalen Atopie. Sie taucht für Lacan exemplarisch an Freuds Traum von „Irmas Injektion“ auf, auf den er bereits im II. Seminar ausführlich eingeht (Lacan 1991, S. 179 ff.). Er bestimmt hier das Begehren Freuds als das einer Symbolisierung des Realen, des Traumas, das das Subjekt radikal determiniert, im Traum dargestellt durch den Blick in Irmas Rachen:

„Es gibt da eine schreckliche Entdeckung, die des Fleisches, das man niemals sieht, den Grund der Dinge, die Kehrseite des Gesichts, des Antlitzes, die Sekreta par excellence, das Fleisch, aus dem alles hervorgeht, aus der Tiefe selbst des Geheimnisses, das Fleisch, insofern es leidend ist, insofern es unförmig ist, insofern seine Form durch sich selbst etwas ist, das Angst hervorruft. Vision der Angst, letzte Offenbarung des Du bist dies – Du bist dies, was am weitesten entfernt ist von dir, dies, welches das Unförmigste ist. Angesichts dieser Offenbarung vom Typ Mene, Tekel, Upharsin gelangt Freud auf den Gipfel seines Begehrens, zu sehen, zu wissen, das sich bis dahin im Dialog des Ego mit dem Objekt ausdrückte“ (Lacan 1991, S.200).

Jeder Traum ist Lacan folgend eine Verknüpfung, ein Treffen dreier „Anderswo“: des Traumas seiner Bestimmtheit durch das „Reale“, das namenlose Fleisch; der Signifikanten, die aus der Sprache kommen und sein Begehren tragen; und des vom Spiegel kommenden Bildes seiner selbst, des Egos. Wenden wir uns nach dem realen Ab-Grund noch einmal dem Symbolischen zu, was dieses Reale umkreist.

Das Ich ist als begehrendes an die Signifikantenkette gebunden, die ihm vom großen Anderen der Sprache zukommt. Wir können nur sprachlich begehren: das heißt in einer differentiellen Ordnung, die strukturell die Lücke, den Mangel, das Verfehlen in sich trägt. Das unbewusste Begehren, das zeigt Lacan an der Freud’schen Traumdeutung, ist wie eine Sprache strukturiert und durch Verschiebung und Verdichtung bestimmt. Das Subjekt ist also einmal an diesem anderen Ort von sich selbst entrückt als je des Begehrens, von anderswoher gesprochen. Das je ist dabei in der differentiellen Kette der Signifikanten verortet, die auf die Objekte seines Begehrens zielen. Im VI. Seminar erwähnt Lacan paradigmatisch für diese „Nacktheit des Begehrens“ (Lacan 2020, S. 92) den Traum seiner kleinen Tochter Anna; „Mein jüngstes Mädchen – das ist Anna Freud – damals neunzehn Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen und war darum den Tag über nüchtern gehalten worden. In der Nacht, die diesem Hungertag folgten, hörte man sie erregt aus dem Schlaf rufen: Anna Freud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier(s)peis, Papp“ (Lacan 2020, S. 85). Das Subjekt ist also da verortet, wo es sich in der Kette der verlorenen und vermissten Objekte seines Begehrens einfindet, woanders als da, wo es gerade ist. Das Subjekt wird also hier sowohl vom Anderswo der Signifikanten, die sein Begehren tragen, als auch vom Anderswo des Realen, konkretisiert in den verlorenen Objekten, die sein Begehren verursachen, determiniert – von einem anderen Ort als dem, wo es gerade ist.

Der Freud‘sche Primat des Traums als Bildung des Unbewussten liegt aus einer Lacan‘schen Perspektive darin, dass der Traum das entscheidende Feld ist, auf dem ein realer Nabel von einem symbolischen Netz umfasst und geträumt wird, wobei sich etwas verknüpfen kann. Das Subjekt als Traum begriffen – der Stoff, aus dem die Träume sind – entsteht dort, wo es mit seinem begehrenden Ich/je eine ja immer verfehlende Begegnung mit dem Realen riskiert. Insofern ist der Traum ein Un-Ort, der durch das Imaginäre eine gewisse Konsistenz bekommt und sich bildhaft darstellt.

Aber auch diese Dimension des Imaginären enteignet das Subjekt von einem anderen Ort. Das Bild von sich kommt ihm nämlich vom Spiegelbild des Anderen zu, wie es Lacan in seiner Theorie des Spiegelstadiums 1936 und weiter ausgearbeitet 1949 geschildert hat. Das ganzheitliche Ich verdankt sich bei Lacan dem „offensichtlichen

Zusammenhang zwischen der narzisstischen Libido und der entfremdenden Ich-Funktion“ (Lacan 1996b, S. 69), was die Verbindung von Aggression und Narzissmus klar macht: die eigene Idealität bringt das Subjekt in tödliche Rivalität mit seinem Bild, das ihm vom Anderen her kommt, von einem „Außerhalb, wo zwar diese Form eher bestimmend als bestimmt ist“ (Lacan 1996b, S. 64).

Dieses imaginäre Ich ist in der französischen Sprache als Moi bestimmt; das begehrende ich der Signifikantenkette dagegen als je. Schon 1955 in seinem Vortrag „Das Freud’sche Ding“ hat Lacan in seiner Lektüre des Satzes „Wo es war soll ich werden“ auf dieser Teilung des Subjekts zwischen Moi und je bestanden, die verhindert, es an einem Ort lokalisieren zu können.

„Im Gegensatz zur Form, die die englische Übersetzung nicht vermeiden kann: ‚Where the id was, there the ego shall be‘ hat Freud weder das Es noch das Ich gesagt, wie er es gewöhnlich tut, wenn er die Instanzen benennt, in denen er 10 Jahre lang seine neue Topik anordnete. Es ist auch keine Bestätigung durch die interne Kritik am Werk Freuds notwendig, dass er sehr wohl Das Ich und das Es geschrieben hat, um die grundlegende Unterscheidung zwischen dem tatsächlichen Subjekt des Unbewussten und dem Ich/Moi, das in seinem Kern durch eine Reihe von entfremdenden Identifizierungen gebildet ist, zu bestätigen. Jedenfalls zeigt sich hier, dass an dem Ort, Wo, wo Es, Subjekt ohne jegliches das oder einen anderen objektivierenden Artikel, war, es um einen Ort des Seins geht und dass an diesem Ort; soll Ich (je), das ist meine Pflicht im moralischen Sinn, die hier bevorsteht, wie es der einzige darauf folgende Satz bestätigt, der das Kapitel abschließt, da soll ich werden (wie man früher sagte: Ce suis-je/das bin ich, bevor man sagte: C‘est moi, das ist ich), das heißt weder unvermutet auftauchen noch geschehen, sondern zutage treten aus diesem Ort heraus, aus dem Ort des Seins“ (Lacan 2005, S. 37–38).

Das Subjekt tritt also, wie Lacan sagt, aus dem Ort des Seins heraus, ist dadurch fundamental disloziert und zwar einerseits durch den großen Anderen, die symbolische Ordnung, die Sprache, die Signifikanten und zugleich sein Bild, das Selbst- und Körperbild, seine Idealität, die immer auch an einem anderen Ort – im Spiegel des Nebenmenschen – entsteht. Das Subjekt ist dementsprechend zwischen den Orten des großen und des kleinen Anderen zerrissen und fundamental entortet, A und a in der Lacan‘schen Algebra. In Lacans Spätwerk ist dabei die Sprache, der Signifikant kein ausschließlich symbolisches Moment, sondern auch vom realen Genießen gesättigt, das das Subjekt geradezu überfällt und enteignet. Im XXIII. Seminar sagt er: „dass das Wort ein Parasit ist, dass das Wort eine Verblendung, dass das Wort eine Art Krebs ist, von dem das menschliche Wesen befallen wird“ (Lacan 2017, S.101–102). In der Verblendung taucht neben dem realen auch ein imaginärer Aspekt auf.

Kommen wir nun zum XI. Seminar zurück. Neben dem Symbolischen und Imaginären unterstreicht Lacan hier, etwa 9 Jahre nach seinem Wiener Vortrag, für die Lektüre des Freud‘schen ethischen Imperativs: „Das Subjekt aber ist da, um sich wiederzufinden là où c'/da wo es – ich greife vor – était le réel/das Reale war“ (Lacan 1996, S. 51).

Das Subjekt ist also nicht zuletzt durch dieses unfassbare, vom Symbolischen und Imaginären letztlich nicht greifbare, unmögliche Objekt im Realen, das die Ursache seines Begehrens ist, bestimmt. Der letzte Term ist damit a, das Objekt klein a, „Rückstand der Inbedingungsnahme, wenn ich mich so ausdrücken darf, des Anderen …, Stütze meines Begehrens … auf der Seite des Anderen“ (Lacan 2010, S. 40). Das Objekt a befindet sich, dem Winnicott‘schen Übergangsobjekt ähnlich, in einem Zwischenraum zwischen dem Subjekt und dem Anderen, als dessen unsymbolisierbarer, verlorener Rest, der wie sie Spule des Freud’schen Fort/Da-Spiels zum symbolischen Spiel genutzt werden kann, ohne selbst dem symbolischen Register zuzugehören. Der Andere begegnet dem Subjekt als Rätsel seiner Unvollständigkeit, das es voll Angst mit den Bruchstücken dessen zu lösen versucht, was aus der Sprache abfällt … Brust, Kot, Blick und Stimme, getrennt von ihm „zu seiner Konstituierung“ (Lacan 1996, S. 110). So bestimmt sich das Subjekt aus den objektalen Ursachen seines Begehrens, es wird Blick und Stimme, symbolisch losgelöst bis in den Wahnsinn der Paranoia, in der Blick und Stimme das gequälte Subjekt verfolgen und auszulöschen bedrohen. Es ist die fundamentale Paradoxie der Lacan‘schen Zugang zur Atopie, dass die Entortung des Subjekts durch den Anderen zugleich Chance seiner singulären creatio ex nihilo ist. Er besteht darauf, „dass das Subjekt nur Subjekt ist als Hörigkeit, Unterwerfung auf dem Feld des Anderen“ (Lacan 1996, S. 197) und zugleich setzt genau da der ethische Imperativ der Subjektivierung an: „Deshalb muss es (das Subjekt) da heraus, muss es sich herausholen, und in diesem Sich herausholen/s’en sortir weiß es letztlich, dass auch der reale Andere nicht anders als es selbst sich herausholen, sich aus der Sache herausziehen muss“ (Lacan 1996, S. 197). Atopie ist bei Lacan also zugleich Entortung durch den Anderen und Verortung durch Aus-Zug aus der Bestimmtheit durch den Anderen.

Wenn wir also von einer Atopie des Subjekts bei Lacan sprechen, dann ist es diese A/a/a Topie, die seinen Ort als den einer basalen Dezentrierung durch den symbolischen, imaginären und realen Anderen bestimmt. Diese Atopie des Subjekts ruft zugleich nach einer Erfindung eines eigenen Ortes, dort wo sich die drei Dimensionen seiner Entfremdung verknüpfen. Dann wäre RSI der Name einer atopischen Topologie der verknüpfenden Aneignung der fundamentalen Fremdheit des Subjekts.

„Ich ist ein anderer“ sagt Lacan mit Rimbaud im II. Seminar. „Das Ich ist in Bezug auf das Individuum dezentriert. Das ist es, was Ich ist ein anderer meint“ (Lacan 1991, S. 16).

Kommen wir noch mal zum XI. Seminar zurück. Lacan widmet sich hier der Silbe „Un“ als das, was das Unbewusste ausmachte, „Un“ eben nicht als Negation des Bewussten, sondern als Benennung der ihm eigenen örtlichen Verrückung, seiner Dislokation. In derselben Weise wäre A-Topie dann eben keine Verneinung des Ortes, sondern eine Formulierung für den Un-Ort des Subjekts, das gerade in der Ent-Ortung durch die verschiedenen Dimensionen des A seine Bestimmung finden könnte. Hören wir Lacan:

„Ist das Eine/l’un eine Diskontinuität? Ich denke nicht, und alles, was ich die letzten Jahre gelehrt habe, geschah in der Absicht, die Forderung nach einem geschlossen Einen zu Fall zu bringen – es ist das eine Täuschung, an die sich der Begriff eines umhüllenden Psychismus hängt, eine Art Verdoppelung des Organismus, in der jene falsche Einheit wohnen soll. Sie werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass das in der Erfahrung des Unbewussten eingeführte un jenes un des Spalts, des Zugs, des Bruchs ist. Es zeigt sich hier plötzlich eine verkannte Form des un: das Un des Unbewussten. Die Grenze des Unbewussten ist sozusagen der Unbegriff – der nicht ein Nicht-Begriff ist, sondern der Begriff eines Fehlens. Wo ist der Grund? Ist’s die Abwesenheit? Wohl nicht. Bruch, Spalt, Zug der Öffnung lassen die Abwesenheit erst entstehen – so wie der Schrei nicht vom Grund der Stille sich abhebt, sondern die Stille erst entstehen läßt“ (Lacan 1996, S. 32).

So ist die Lacansche A/a/a Topologie eine aus dem Irgendwoher. Er antwortet am 13. Mai 1964 auf eine Frage Jacques Alain Millers zum Trieb:

„Das Objekt des Triebs gehört auf die Ebene, die ich meinte, als ich metaphorisch von einer azephalen Subjektivierung, einer Subjektivierung ohne Subjekt sprach, ein Knochen, eine Struktur, ein Aufriss, was die eine Seite der Topologie wäre. Die andere wäre die, die aus einem Subjekt, über seine Beziehungen zum Signifikanten, ein durchlöchertes Subjekt macht. Diese Löcher kommen allerdings von irgendwoher“ (Lacan 1996, S. 193).

Atopie bei Lacan also: azephaler Aufriss, Löcher von irgendwoher.

 


Literaturverzeichnis

Freud, Sigmund (1900): Die Traumdeutung. Gesammelte Werke II/III. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund (1904): Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Gesammelte Werke IV. Frankfurt am Main: Fischer.

Lacan, Jacques (1991): Das Seminar. Buch II. Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse (1954–1955). Übersetzung von Hans-Joachim Metzger. Weinheim/Berlin: Quadriga Verlag.

Lacan, J. (1996a): Das Seminar. Buch XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse (1964). Übersetzung von Norbert Haas. Weinheim/Berlin: Quadriga Verlag.

Lacan, Jacques (1996b): „Das Spiegelstadium als Bilder der Ichfunktion (1949)“. Übersetzung von Peter Stehlin. In: Lacan, Jacques (1996): Schriften I. Weinheim/Berlin: Quadriga Verlag.

Lacan, Jacques (2005): Das Freud’sche Ding oder der Sinn der Rückkehr zu Freud in der Psychoanalyse (1955). Übersetzung von Monika Mager. Wien: Turia und Kant.

Lacan, Jacques (2006): Das Seminar. Buch V. Die Bildungen des Unbewussten (1967–1958). Übersetzung von Hans-Dieter Gondek. Wien: Turia und Kant.

Lacan, Jacques (2010). Das Seminar. Buch X. Die Angst. Übersetzung von Hans-Dieter Gondek. Wien: Turia und Kant.

Lacan, Jacques (2017): Das Seminar. Buch XXIII. Das Sinthom (1975–1976). Übersetzung von Myriam Mitelmann und Harold Dielmann. Wien: Turia und Kant, S. 101–102.

Lacan, Jacques (2020): Das Seminar. Buch VI. Das Begehren und seine Deutung (1958–1959). Übersetzung von Hans-Dieter Gondek. Wien: Turia und Kant.