Annemarie Hamad

Abstract: Der Beitrag unternimmt die Darstellung des von der Kinderpsychoanalytikerin Françoise Dolto in der analytischen Arbeit mit Kindern erarbeiteten Konzepts des unbewussten Bild des Körpers als wertvolles Werkzeug für jeden Analytiker und dessen Artikulierung mit der Lehre von Jacques Lacan. Klinische Beispiele aus der Arbeit mit Kindern und Erwachsenen illustrieren die Reichhaltigkeit dieser auf der Praxis aufgebauten Theoretisierung.

Keywords: Bild, Körper, Kinderanalyse, Praxis

Veröffentlicht: 18.10.2021

Artikel als Download: pdfDas unbewusste Bild des Körpers

 

Wie Freud es einmal gesagt hat, obliegt es jedem Analysanten, jeder Analysantin, die Psychoanalyse neu zu erfinden. Dass dem so ist, erfahren wir jeden Tag, wenn wir den Leuten zuhören, und gerade diese Tatsache ist es auch, die unsere Praxis so spannend macht. Derer unter den Analysant(inn)en jedoch, die aus ihren persönlichen Erfindungen auch ein weiter vermittelbares Werk, eine zusammenhängende Theorie mit eigens erarbeiteten Begriffen zu schaffen vermögen, sind jedoch wenige. Spontan denkt man natürlich an Melanie Klein, an D. Winnicott, dann an Ferenczi und Lacan, also einerseits Analytiker, die sich direkt mit den Kindern eingelassen haben, und dann etwa, jeder auf seine Art und Weise, die sogenannten „Enfants terribles“ der Psychoanalyse. Françoise Dolto ist eine von ihnen, und das unbewusste Bild des Körpers ist für viele, wie auch für mich, eine unumgängliche Referenz und ein Arbeitswerkzeug geworden.

Die Idee, hier bei Ihnen darüber zu sprechen, hat sich für mich eigentlich ganz direkt mit dem Thema des Spiegelstadiums artikuliert, worauf Sie sich dieses Jahr konzentrieren. Mit freudigem Erstaunen habe ich erfahren, dass die noch ganz junge Françoise Dolto selbst als Berichterstatterin fungiert hatte für den ersten Vortrag Lacans über den Spiegel vor der SPP (Société de Psychanalyse de Paris) im Juni 1936, und dass sie am Rande notiert hatte: „Sehr verlockende Theorien (séduisantes), Lacan ein bisschen zu eingenommen vom Zauber der Wörter“ (Guillerault 2003, S. 36). Von Beginn an hatte sie sich nicht täuschen lassen, blieb unabhängig vom Diskurs des großen Meisters. Man darf annehmen, dass sie dank ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, sich im Innersten herausgefordert zu fühlen durch eine Kombination von Sehen und Hören (wie sie es in der Praxis mit den Kleinsten tat), eben auch ein Gespür hatte dafür, was an Unsicherheit vibrierte hinter dem Anschein einer beherrschten Theorie bei Lacan. Aus diesen Überlegungen heraus ist mir wichtig erschienen, dass die Beschäftigung mit dem Spiegelstadium durch die Artikulierung mit dem vorangehenden unbewussten Bild des Körpers eine notwendige Bereicherung erfährt. Das hat mir auch die Gelegenheit verschafft, das Buch in der deutschen Übersetzung wieder durchzulesen, wobei ich Elisabeth Widmer höchst dankbar bin, denn es ist mir ein wahres Vergnügen gewesen, nachvollziehen zu können, mit wie viel Feingefühl und Einfühlung sie dem deutschen Leser Doltos Gedankenwelt nahebringt.

Nun stellte sich für mich beim Lesen des deutschen Titels sofort die Frage: Warum „das unbewusste Bild des Körpers“? – wo ich doch schlichtweg sofort vom „unbewussten Körperbild“ gesprochen hätte. Der Titel hat mich also stutzen gemacht, und das ist ja wohl auch die Absicht. Vom Körperbild sprechen ja auch die Neurologen, es ist nichts radikal Neues, und das Adjektiv „unbewusst“ büßt da etwas von seiner Prägnanz ein, während das „unbewusste Bild“ des Körpers den vollen Akzent auf das „unbewusste“ setzt. Und nun zum Bild: Das deutsche Wort erfasst ein semantisches Feld, das dem französischen „image“ entgeht. Wir hören dabei das bildende, das gestaltende, eine Dimension, die denn auch für das Verständnis der im Werdegang des Subjekts durch die Vermittlung der Sprache neu entstehenden unbewussten Bilder bedeutsam ist.

Jetzt aber zurück zu Françoise Dolto. Sie hat klar von „image“ gesprochen, worüber sie dann auch immer wieder befragt wurde, da sie doch genauso klar immer wieder darauf bestand (und ihr ganzer Gedankengang in dieser Arbeit bestätigt dies), dass es sich nicht um das skopische, das visuelle Bild handelt. Es fiel ihr nicht leicht, eine präzise Antwort zu geben: „Es ist mir einfach so eingefallen, ich weiß nicht wieso“.... Bis sie sich dann entschlossen hat, mit der Formel zu antworten, die ich in der Ankündigung des heutigen Seminars angeführt habe:

„Es ist ganz merkwürdig. Dieser Begriff ergibt sich in Wirklichkeit aus einem dreiteiligen Wortspiel....man kann feststellen, dass wir allgemein, wenn wir sprechen, von einem Minimum von 3 Identitäten ausgehen, die allen zu eigen sind. Diese Identitäten setzen das Wort ‚Image’ zusammen: der erste Buchstabe ‚I‘ für ‚Identité‘; dann ‚ma‘, erste Silbe des Wortes ‚maman‘, wobei das Kind immer ‚ma maman‘ ausspricht, und gefolgt von ‚ma maman m’aime‘ (gleichlautend mit ‚même‘ = selbst, selb, was die absolute Identität bedeutet). Und schließlich ‚ge‘, letzte Silbe des Wortes ‚image‘, welche ‚die Erde, die Grundlage‘, und auch ‚der Körper‘, sogar ‚Je‘ = Ich, bedeutet, das erste Personalpronomen im Singular. Das heißt also: die auf den anderen bezogene Grundlage. So ist das Wort geboren, und so habe ich davon in einem Seminar von Lacan gesprochen.“ (Dolto u. Nasio, 1992 S. 14 – S. 15, Übersetzung A.H.)

Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Persönlich kann ich ihr das nicht ganz abnehmen, dass das Wort so geboren sei. Vielmehr scheint mir, dass sie das so zusammengebastelt hat für die Leute im Seminar, um sich abzugrenzen vom Wort „image“, das wohl zu jener Zeit, wo Lacan das ganze Register des Imaginären gegenüber dem „allmächtigen“ Symbolischen abwertete, für Dolto ein Risiko darstellte in einer Atmosphäre, wo sie zwar als klinisches Genie anerkannt, jedoch als Theoretikerin von ihren Zeitgenossen, außer von Lacan, einfach nicht für voll genommen wurde. Wie dem auch sei: das Wort „image“ hatte sich ihr aufgedrängt, und sie hat es nachträglich auf eine Formel zurückgeführt, I – ma – ge, wie etwa die chemische Formel des Trimethylamin in Freuds Traum von Irmas Injektion, worin man den Nabel des Traumes vermuten kann, also der Ort, wo sich das Unerkannte, etwas vom Realen beschriftet findet. Ich erlaube mir diesen Vergleich, weil mir scheint, dass es auch für Dolto hier darum ging, etwas vom Realen zu beschriften. Jedenfalls gelingt es ihr, durch diese Interpretation der „Formel“ erstens: Das Bild vom Imaginären abzusetzen; zweitens, es als von Signifikanten bestimmt zu definieren; drittens, es in der Dyadenbeziehung zwischen Kind und Mutter zu situieren. Es befindet sich am Nabelpunkt der Subjektwerdung in der Beziehung zum Anderen.

Dazu muss ich hinzufügen, dass sie auf Lacans Frage, weshalb sie es „unbewusstes Bild des Körpers“ nenne, antwortet:

„Man muss wirklich verstehen, dass es sich um ein Bild handelt, das mit dem Spiegelbild verschwindet (hervorgehoben von A.H.). Mit dem Spiegelbild gibt es beinahe kein unbewusstes Bild des Körpers mehr, es sei denn im Traum. In der Wirklichkeit nicht, jedoch ist es sehr präsent in einem psychosomatischen Leiden, und dann allgegenwärtig in der Psychose oder bei Menschen im Koma.“ (Dolto u. Nasio 1992, S. 15)

Was ich Ihnen mit diesen Überlegungen nahebringen möchte, ist die Tatsache, dass sich Françoise Dolto in einen Bereich des Unbewussten begeben hat, der weitgehend mit dem zu tun hat, was dann der Urverdrängung anheimfallen wird, also dem Stoff, der uns im Innersten zusammenhält und unserem Bewusstsein, also auch der gesprochenen Sprache entgeht.

Alleine hätte sie es wohl kaum geschafft, und ihre Lehrer, außer Freud und Lacan, auf die sie sich ständig bezieht, waren die Kinder, die zu ihr in die Analyse kamen, und insbesondere auch deren Zeichnungen, also eine ganz bestimmte Art von Bildern. Dazu dürfen wir daran erinnern, dass in der Renaissance disegno nicht allein Zeichnen bedeutete, sondern ebenso ein geistiges, ja spirituelles Konzept meinte. Gott selbst galt als maestro pittore, als Meisterkünstler, der in der Schöpfung seine Ideen „nach außen“ aufs Papier gebracht, sprich „aus seinem Geist und aus den Händen“ in die Welt gezeichnet habe, wie der Dominikaner Mönch Girolamo Savonarola meinte. Dieses aus dem Innersten sich in der Hand fortsetzende Schöpferische als Darstellung des Unsagbaren hat Dolto von Anfang an bei den Kindern zu werten gewusst und zu entziffern versucht. Da entfalteten sich ihr die unbewussten Bilder des Körpers.

Zu diesen einführenden Bemerkungen möchte ich doch noch auf die Beziehung von Doltos theoretischen Artikulierungen mit denen von Lacan kommen. Wir wissen, dass sie sich gegenseitig achteten und auch freundschaftlich eng verbunden waren, obwohl es vorkam, dass sie jederseits manchmal sagten, sie verstünden zwar nicht, was der andere sage, es aber genial fänden. Es gibt aber auch Stellen, wo Lacan sich diesbezüglich klar ausdrückt. In der Sitzung vom 5. Dezember 1956 seines Seminars über die Objektbeziehung bezieht sich Lacan auf den am Vorabend von Françoise Dolto gehaltenen Vortrag über das unbewusste Bild des Körpers nicht nur in sehr löblicher Weise, sondern auch, um zu unterstreichen, dass das Körperbild kein Objekt ist (im Unterschied zu den imaginären Objekten der Phobie oder den fetischistischen Objekten), und dass Dolto diese von den Entwicklungsphasen bedingten Objekte in ihrer klinischen Arbeit als Signifikanten zur Geltung bringt, die einzig in der Verkettung mit anderen Signifikanten im Dialog mit den Kindern bedeutungsvoll werden (Lacan 2014, S. 45).

In der gleichen Sitzung können wir eine Parallele zwischen den beiden Autoren ziehen, die aufzeigt, dass sie mit denselben theoretischen Voraussetzungen arbeiten. Genauso wie Dolto immer daran festgehalten hat, dass das Subjekt von Anfang an schon da ist (déjà là), stellt Lacan hier das Es (das man gewöhnlich mit Strebungen, Instinkten, Libido verbindet) als bereits organisiert, artikuliert, genauso wie der Signifikant es ist, dar. Ich unterstreiche das, weil Dolto wegen dieser Überzeugung, ja sogar des Glaubens daran, oft kritisiert wird. Natürlich ist die These des schon von Anfang an (also bereits als Fötus, gar als Phantasma der Eltern vor der Zeugung) gegenwärtigen Subjekts nicht vereinbar mit Lacans Definition des Subjekts, das von einem Signifikanten für einen anderen Signifikanten bedeutet wird, also dem von der Sprache, vom großen Anderen gebarrten Subjekt. Ich meine, Lacan spricht hier vom Subjekt des Begehrens, wie es sich in der Kur metonymisch artikuliert. Auf dem Graphen des Begehrens spricht er übrigens von einem sujet acéphale, also einem Subjekt ohne Hirn (wäre das ein Subjekt im Körper?), was wohl der Hypothese des Subjekts von Dolto nahekommt. Wir können am Beispiel der beiden Protagonisten auf der Szene der geschichtlichen Entwicklung der Psychoanalyse schön sehen, wie die theoretischen Früchte auf dem Feld der klinischen Arbeit sprießen. Lacans Definition gründet sich (unter anderem natürlich) auf seine Erfahrung mit Erwachsenen. Wie hätte Dolto jedoch ohne die Hypothese des immer schon gegenwärtigen Subjekts einen magersüchtigen Säugling, der sich sterben ließ, auffordern können, seinen Kopf ihr zuzuwenden, wenn er mit ihr arbeiten wolle. Kraft der Erkenntnis, dass schon die Kleinsten ihr eine Antwort gaben, konnte sie dann noch weiter in die frühe Geschichte ihrer Patienten vordringen und bei psychotischen Patienten intrauterine Traumen feststellen2, wenn die Mutter während der Schwangerschaft selbst durch ein Trauma bis zu ihrem Lebenssinn erschüttert worden war, und das Band des unbewussten Begehrens zwischen ihr und dem Fötus zerrissen war. (Dolto 1987, S. 188).

Genauso wie Lacan im Unterschied zu Freud zu Anfang in seinem theoretischen Vorgehen von der Struktur der Sprache selbst, und von ihrem rein symbolischen Gefüge in den Wahngebilden der Psychose herausgefordert wurde, so stellte sich Dolto dem Realen des Körpers des erst ins Leben berufenen, manchmal in Todesgefahr schwebenden Kindes, indem sie sich mit Leib und Seele mit den leidenden Kindern identifizierte. Ihre Erfahrung hat ihre Theorie hervorgebracht, was man die ganze Zeit bei der Lektüre ihres Buches spürt, und ich sage bewusst, „spürt“, weil es für mich ein Buch ist, das man immer wieder zur Hand nimmt, wenn sich einem klinische Hindernisse stellen, denn mancherorts erweckt es Intuitionen, die sich aus diesen urverdrängten Schichten der unbewussten Bilder des Körpers ergeben.

Was Lacan betrifft, so wissen wir, dass das Reale für ihn von Anfang an als das unmöglich Symbolisierbare vom Subjekt aus der wahrnehmbaren Realität Verstoßene auftritt. Im Traum der Injektion von Irma erscheint es in ihrem Rachen als große weiße Flecken, also als das Angstobjekt schlechthin, vor dessen Anblick, wie gesagt, die chemische Formel den Träumer beruhigt. Nun ist für Lacan das Reale auch das, was sich nie schreiben lassen wird, weshalb er dann schließlich eine Schrift einführt, die nichts mit Symbolen zu tun hat, jedoch erlaubt, das Reale materiell vorzustellen. Die Materialität ihrer Verknotung hält die drei Register des Symbolischen, des Imaginären und des Realen zusammen. Mit der Topologie führt Lacan eine Logik des Kontinuums zwischen ihnen ein, und die verzerrten Körperbilder in den Zeichnungen der Kinder erinnern oftmals an die Klein’sche Flasche oder an das Möbiusband, worin sich das Subjekt körperlich einschreibt.

Also, kurz gesagt, hat Lacan allmählich die Dimensionen des Realen und des Imaginären so in seine Theorie integriert, wie sie bei Dolto von Anfang an vorhanden sind. Sicher war es für Lacan wichtig, für seine Schüler vorrangig auf die durch die Signifikanten bestimmte Artikulierung des Subjekts einzugehen, um sie von den Irrwegen der Ego-Psychologie und anderen abstrusen Ideen wie die der genitalen Komplementarität zu bewahren. Deshalb sagte er wohl 1967, er müsse nun endlich das vorbringen, was in der Tradition vorschnell artikuliert worden sei, nämlich den Bezug des so konstituierten Subjekts mit dem Körper, und fügt hinzu, was eigentlich offensichtlich ist, nämlich: „Symbolismus meint immer körperlicher Symbolismus, etwas, was ich jahrelang habe beiseite schieben müssen.“ (Lacan 2017a, S. 188) 3

Diese Sorge hatte Françoise Dolto nicht, für sie ist von Anfang an klar, dass das unbewusste Körperbild symbolischer Natur ist. Und von Anfang an geht sie von den Zeichnungen der Kinder aus, die durch ihre Rede dazu als Phantasmen entziffert werden können, genauso wie man aus den Assoziationen zu den Träumen der Erwachsenen deren Phantasmen zu entschlüsseln sucht. In den Beispielen gibt sie uns nicht etwa Zeichnungen zu sehen, vielmehr reproduziert sie im Detail den Dialog mit dem Kind, denn sie insistiert darauf: „Das Körperbild ist nicht das Bild, das gezeichnet oder modelliert ist; es muss im analytischen Dialog mit dem Kind herausgeschält werden“ (Dolto 1987, S. 15).

Also, wenn das unbewusste Bild des Körpers symbolischer Natur ist, so heißt das, dass es vom Anderen, den vorerst die Mutter verkörpert, ausgeht und somit in der gegenseitigen Beziehung entsteht. Ich möchte nun doch Dolto etwas länger zitieren, um Ihnen die komplexe Dichte ihrer Ausführungen nahe zu bringen:

„Das Körperbild ist die lebendige Synthese unserer emotionalen Erfahrungen: zwischenmenschlich erlebt mittels ausgewählter, archaischer oder aktueller erogener Empfindungen. Es kann als unbewusste symbolische Verkörperung des begehrenden Subjektes betrachtet werden und dies sogar, bevor das fragliche Individuum fähig ist, sich selbst durch das Personalpronomen ‚ich‘ zu bezeichnen, bevor es ‚ich‘ sagen kann. Ich möchte es so verstanden haben, dass das begehrende unbewusste Subjekt in Beziehung zum Körper seit der Empfängnis existiert. Das Körperbild ist in jedem Augenblick unbewusste Erinnerung an alles in der Beziehung zu anderen Erlebte, und gleichzeitig ist es aktuell, lebendig, in einer dynamischen Situation; es ist narzisstisch und auf andere gerichtet zugleich. Es ist in der Beziehung hier und jetzt durch jeden sprachlichen Ausdruck, jede Zeichnung, Modellierung, musikalische oder mimische Intervention und Gestik verschleierbar oder aktualisierbar.“ (Dolto 1987, S. 20)

Wenn man sich das anhört, wird man gewahr, wie Dolto alle Aspekte berücksichtigen will, gewissermaßen, mit allen Fühlern ausgestreckt erfassen möchte, was sich abspielt; also man erlebt die gespannte Aufmerksamkeit, die in der Übertragung auch uns in unserem Körper vereinnahmt, solange wir uns empfänglich machen für das, was auf uns zukommt. Ich habe dieses Zitat auch deshalb gewählt, weil es ein ganzes Programm enthält und werde nun einige Punkte aufnehmen, die uns helfen können, die klinische Arbeit zu denken. – Ich komme zurück auf Doltos Postulat, dass das begehrende Subjekt schon von der Empfängnis an existiert: Welche Kühnheit! Aber dennoch, wie können wir sonst erklären, dass Kinder auf die Welt kommen, auch wenn sie durch Vergewaltigung gezeugt worden sind oder nach einer bewusst unerwünschten Schwangerschaft.? Viele Leute sagen uns, sie seien nicht erwünscht gewesen, ganz zu schweigen von denen, die bei der Geburt verlassen worden sind. Weil sie jedoch da sind, lebend, um es uns sagen zu können, bedeutet das nicht, dass sie sich mit einer außerordentlichen Kraft gegenüber allen Hindernissen an die Lebensfasern geklammert haben, um im Uterus zu überleben? In der Übertragung klammern sie sich mit einer Intensität an uns, die körperlich fühlbar wird, und andererseits sind sie manchmal auch proportional heftig provozierend. Ich würde sagen, sie leben in einer Ökonomie des Überlebens, ständig auf der Suche nach dem ambivalenten Begehren des anderen.

Als Beispiel kommt mir ein achtjähriger Junge in den Sinn, für dessen Mutter seine manchmal gewaltsame Rebellion ihr gegenüber unerträglich geworden war. Bei unserer ersten Begegnung war ich perplex, ja gerade schockiert, als er mir tiefernst erklärte: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben, weil, wenn ich sterbe, so heißt das, dass meine Eltern länger leben können.“ Und er fügte hinzu: „Glücklich sein, das heißt, den anderen Freude machen.“ Nach der Stunde, in seiner Abwesenheit vertraut mir die Mutter an, dass sie bei der Geburt beinahe gestorben wäre, und sie ihre erste Begegnung verpasst hätten. Seitdem, obwohl sie sich sehr gerne hätten, wäre ihre Beziehung ständig Konflikt geladen gewesen. Durch die dramatischen Umstände hatte die Abnabelung (la castration ombilicale) nicht symbolisiert werden können: das unbewusste Bild dieser Zeit insistierte heftig auf dass dieses frühe Trauma zur Sprache komme. In den Konflikten äußerte sich der Überlebenskampf des Kleinen nach der Geburt, wo sein grundlegendes Körperbild, die zusammenhaltende Seinsgleichheit (la mêmeté d’être) bedroht gewesen war.

Die analytische Arbeit mit den Kindern und ihren Eltern ermöglicht, Worte dafür zu finden, zu symbolisieren, damit dieses grundlegende Bild sich neu aufbauen kann, und man täte gut daran, sich zu erinnern heutzutage, wo den sogenannten „hyperaktiven“ Kinder, auch „potentielle Delinquenten“ genannt, mit neurologischen Diagnosen etikettiert als einzige Lösung Medikamente verabreicht werden.

Da ich von Neurologie sprechen, möchte ich gleichzeitig daran erinnern, dass Françoise Dolto, als ausgebildete Kinderärztin eindeutig das unbewusste Bild des Körpers vom Körperschema unterscheidet, welches für jedermann ungefähr im gleichen Alter dasselbe ist. Es wird strukturiert durch Lernprozesse und Erfahrung, während das Bild sich durch die Verständigung mit den anderen und den tagtäglich sich einschreibenden Spuren eines versagten, verdrängten oder verbotenen Genießens entsteht. Nun kann jedoch das Körperschema in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn das Bild des Körpers von der Vertrauensperson nicht unterstützt wird. Gleich zu Anfang ihres Buches bringt Françoise Dolto vier Beispiele analytischer Arbeit mit gesunden Kindern, was ihr Körperschema anbelangt, dessen Funktionieren jedoch durch die pathogenen Körperbilder mit Schuld beladen und dadurch beeinträchtigt worden war. Es handelt sich um Hemmungen (nervöse Tics, totale Hemmung der Motorik, Stummheit) oder um fehlende Kontrolle (Enkopresis).

Andererseits zitiert sie Fälle von körperlich behinderten Kindern (deren Körperschema sich aus Gründen organischer Krankheiten oder durch Unfälle nicht normal entwickelt hat), die trotzdem ein gesundes Körperbild entwickelt haben, und dies dank der umsorgenden Begleitung durch Erwachsene, die es ihnen durch Sprache, Spiel und Gestik ermöglicht haben, sich mit den normalen Bewegungsmöglichkeiten anderer Kinder zu identifizieren. Das Körperbild entsteht sprachlich, im Umgang mit anderen. Zum Beispiel unterscheidet ein Kleinkind nicht von Anfang an leblose Gegenstände von Personen. Der Tisch, an dem es sich anstößt, erscheint ihm als böse. Allein ein menschlicher Zeuge erlaubt ihm, sich zu rekonstruieren nach dem Schmerz, den es erlitten hat, und auf diese Weise kreuzt sich das Körperschema, Ort der Bedürfnisse, welcher den Körper in seiner organischen Vitalität stützt, mit dem Körperbild, Ort des Begehrens. Die so introjizierten menschlichen Beziehungen schaffen die narzisstische Beziehung zu sich selbst. Zahlreiche Fälle von scheinbarer Debilität oder hysterische Pseudo-Behinderungen sind auf mangelhafte Kreuzungen, Verwebungen zwischen dem Körperschema und dem unbewussten Bild des Körpers zurückzuführen, d.h. auf einen Mangel an sprachlicher Artikulierung im affektiven Verhältnis mit dem hilfreichen Nebenmenschen (Freud).

Wir sehen also, das Körperbild ist nicht starr, sondern wird ständig zusammen mit dem reifenden Körperschema aufgebaut, und zwar im dynamischen Ineinanderwirken eines Grundbildes, eines funktionellen Bildes und eines Bildes der erogenen Zonen, worin sich die Spannung der Triebe (der oralen, analen, skopischen und, würde ich mit Lacan hinzufügen, invozierenden) ausdrückt. Das Grundbild des primordialen Narzissmus stützt sich auf ein Kontinuum von Geruch, Geschmack, Berührung, Phonemen, was man mit Winnicotts „Holding“ vergleichen kann. Ich werde mich hier nicht weiter mit dem berühmten Stück Stoff befassen, das inzwischen zu einem gesellschaftlichen Fetisch geworden ist...

Ich komme nun zur Entwicklung der Körperbilder, anders gesagt, zur Organisation der Triebkreisläufe. Wie wir seit Freud wissen, befindet sich die Triebquelle an der Grenze zwischen dem Somatischen und der Psyche und organisiert sich zwischen dem Subjekt und dem Anderen, den die Mutter verkörpert, und nicht nur sein psychisches und somatisches Überleben garantiert, sondern auch sein Begehren. Jedoch ist das Subjekt nicht nur Subjekt des Begehrens, sondern auch ein Wesen, das genießt, und als solches ist es dem Genießen des anderen ausgesetzt. Die Dimension des Genießens ist genauso Teil des Menschen wie der Rest seines Trieblebens, jedoch wenn das Genießen überhandnimmt, blockiert es den Weg des Begehrens. Dass diese Dimension jedoch notwendig ist, zeigt sich dort, wo sie nicht im Spiel ist, nämlich bei der Diagnose des frühen Autismus, wo man beobachtet, dass der Säugling, außer dass er den Blick verweigert, nicht imstande ist, sich selbst den Liebkosungen, dem Spiel des „Zehenknabberns“, der Mutter darzubieten. Der dritte Moment des Triebkreislaufes, „sich knabbern, kitzeln, sehen, hören lassen“ stellt sich nicht ein4. Das Begehren erfordert einen Verzicht; jedenfalls, dass dem Genießen eine Grenze gesetzt wird, und zwar durch die symboligenen Kastrationen, welche anstelle des Realen des Körpers Symbole produzieren, oder man kann auch sagen, welche das was der Körper aufzeigt, dem Begehren des Subjekts gemäß Bedeutung verleihen.

Mir scheint, dass Dolto mit diesem Begriff der symboligenen Kastration besonders den Eltern weiterhelfen wollte. Vergessen wir nicht, dass sie schon sehr jung den Wunsch äußerte, „Ärztin für Erziehung“ werden zu wollen. Diesbezüglich sagt sie:

„Es ist eine traurige Tatsache, festzustellen, dass zahlreiche Erwachsene unfähig sind, eine symboligene Kastration der archaischen Stadien zu geben, weil sie selbst bedauern, nicht mehr Kind zu sein oder bedauern, dass das Kind grösser und ihnen gegenüber autonom wird. Problematisch ist, dass in der Familiendynamik das Unbewusste ein viel stärkerer Wirkstoff ist als ein angelerntes pädagogisches Wissen.“ (Dolto 1987, S. 80)

Hier ein kleines Beispiel der Auswirkungen unbewusster Haltungen der Eltern auf das unreife Bild des Körpers, die bis ins Erwachsenenalter fortdauern können: Eine dreißigjährige Frau überrascht dadurch, dass sie wie ein pausbackiger Säugling aussieht, in vollem Kontrast zu ihrer Persönlichkeit als brillante Intellektuelle. In einer Sitzung sagt sie, dass ihr einjähriger Sohn ihr ermöglicht, sich ein positives Bild von sich selbst zu machen. Es kommt ihr vor, als sähe sie sich in ihm wie im Spiegel, und da er schön sei, sei sie vielleicht nicht gar so hässlich. Sie ist die erste Tochter einer Frau, der ihre Weiblichkeit problematisch war, was sich so auswirkte (ihre Mutter hieß sie „mon boudin“, d.h. „mein Würstchen“), dass sie ein Körperbild von einem „poupon garçon manqué“ (d.h. ein pausbäckiges Baby, an dem ein Junge verlorengegangen ist) entwickelte, dessen Bild sie in ihrem einjährigen Jungen wiederfindet. Wie gesagt, entwickelt sich das Körperbild immer in der Beziehung, und die Patientin sagt denn auch: „Ich weiß es wohl, wenn ich so dick bleibe und ständig in Jeans und Turnschuhen herumlaufe, so versuche ich unbewusst einem Bild zu entsprechen, das meiner Mutter gefällt.“

Ich habe bereits von der ersten Kastration, der Abnabelung gesprochen. Eine meiner Patientinnen sagte, sie hätte seit jeher gewusst, dass sie Frauenärztin werden wolle, um den jungen Müttern in ihren Schmerzen zu helfen. Sie wollte das Schuldgefühl, die Geburt überlebt zu haben in eine ständige Hilfehaltung verwandeln. Einmal sagte sie, sie fühle sich immer schuldig, wenn andere Studenten zu spät kämen und keinen Platz mehr fänden. „Ich möchte eigentlich ein Stuhl für jedermann sein – und das ist physisch. Ich fordere immer meine Freundinnen auf, sich neben mich zu setzen, ich möchte sie sogar auf die Knie nehmen.“ Als sie davon sprach, dass sie ein Stuhl sein möchte, hatte ich das Gefühl, dass sie körperlich empfand, was ihr geblieben war von der Beziehung, die sie als „fusionnel“ bezeichnete mit ihrer depressiven Mutter, die sie immer getragen hatte. Sie war am Ende ihres Studiums zu mir gekommen, denn der Augenblick, in dem sie ins Berufsleben eintreten sollte, hatte die Hilflosigkeit bei ihrer Geburt neu erweckt.

In der Übertragung ist Folgendes passiert. Ich hatte sie eines Tags vergessen und war nicht da, als sie in ihre Stunde kam. Sie war also wieder weggegangen. Natürlich habe ich sie angerufen, um mich zu entschuldigen, worauf sie mit ihrer üblichen Höflichkeit antwortete: „Das ist nicht schlimm.“ Ich kam dann in der folgenden Stunde darauf zurück, insistierte, bis sie anerkannte, dass sie immer alle Leute entschuldige. Ich antwortete ihr darauf, doch, das sei sehr schlimm, unentschuldbar, dass ich sie so alleine habe sitzen lassen, und wir müssten versuchen, zusammen zu verstehen, was sich zwischen uns in der Übertragung abgespielt habe, dass dies habe geschehen können.

In der folgenden Stunde konnte sie sagen, es sei ihr gewesen als hätte sich eine bleierne Hülle (une chape de plomb) von ihrem Kopf gelöst. Indem ich meine Verantwortung anerkannt hatte, hatte ich sie, wenigstens teilweise, von diesem einengenden Gefüge von Verpflichtungen befreit, das sie aufgebaut hatte, um ihr Schuldgefühl zu bekämpfen und Anerkennung zu finden in ihrem subjektiven Begehren. Das frühe Körperbild eines Sessels für die anderen hatte auch metaphorisch nach dem Modell der Verantwortung für ihre gemütsarme depressive Mutter ihre Beziehungen, also auch die Übertragung in der Analyse geprägt. Meine Abwesenheit zur Zeit ihrer Sitzung hatte etwas von der traumatisierenden Hilflosigkeit des Kleinkindes aktualisiert, wogegen sie sich mit der Schutzhülle von Verantwortlichkeit für die anderen gewappnet hatte. Aus diesem Grunde war es von höchster Bedeutung gewesen, dass ich klar und deutlich die Verantwortung übernahm, die ihre Mutter nicht hatte übernehmen können.

 


*Wie aus dem Stil des Texts erkennbar ist, handelt es sich um einen ursprünglich mündlichen Vortrag.

2 Das ging jeweils aus den Anamnesen hervor, auf die sie großen Wert legte. Olivier Grignon, der an Doltos Konsultationen im Hôpital Trousseau teilgenommen hatte, überlieferte, in seinem Text: L’apport de Françoise Dolto dans la Psychanalyse (2002, S. 11): „Eine Riesenarbeit zur Anamnese wurde von einer Psychologin ausgeführt, bevor F. Dolto dem Kind begegnete; diese Suche nach dem Erlebten vor der Geburt war eines ihrer Arbeitswerkzeuge, jedoch nicht die klinische Arbeit in der Kur.“ (Übersetzung A.H.)

3 Es handelt sich um die Sitzung vom 7. Juni, 1967 im Seminar 14, „Logik des Phantasmas“, in welcher Lacan Körper, Geschlechtsakt und männliches und weibliches Genießen zu artikulieren versucht (Lacan 2017, S. 188 ff.).

4 Es handelt sich hier um den dritten Moment des Triebkreislaufs, wie er schon von Freud im Text Triebe und Triebschicksale (1915, S. 222) beschrieben ist: „Eigenes Objekt von fremder Person beschaut werden. (Zeigelust, Exhibition)“, und wie Lacan ihn insbesondere im Seminar XI Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse (2017b, S. 169-195) in den Sitzungen vom 6.5.1964 und 13.5.1964 bearbeitet hat. Zur Frage des Nicht-zustandekommens dieses Moments im Autismus, sei auf die Arbeiten von Marie Christine Laznik hingewiesen, z.B. in Vers la parole, Trois enfants autistes en psychanalyse (Laznik 2003).



Literaturverzeichnis

Dolto, Françoise (1987): Das unbewusste Bild des Körpers (L’image inconsciente du corps). Weinheim/Berlin: Quadriga.

Dolto, Françoise u. Nasio, Juan-David (1992): L’enfant du miroir. Paris: Payot.

Freud, Sigmund (1915) Triebe und Triebschicksale. Gesammelte Werke X. Frankfurt am Main : Fischer, 220–232.

Guillerault, Gérard (2003): Le miroir et la psyche: Dolto, Lacan et le stade du miroir. Paris: Gallimard.

Grignon, Olivier (2002): „L’apport de Françoise Dolto dans la Psychanalyse“. In: Le Coq-Héron (1), 168, 13–36.

Lacan, Jacques (2014): Die Objektbeziehung. Das Seminar, Buch IV. Wien: Turia + Kant.

Lacan, Jacques (2017a): Logique du Fantasme. Séminaire 14. Version Staferla, verfügbar unter: http://staferla.free.fr/S14/S14.htm.

Lacan, Jacques (2017b): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch XI. Wien/Berlin: Turia + Kant.

Laznik, Marie Christine (2003): Vers la parole. Trois enfants autistes en psychanalyse. Paris: Denoël.