Edith Seifert

Abstract: Der Artikel reagiert auf die Kritik des aktuell tonangebenden transsexuellen Philosophen P.B. Preciado, wonach die Psychoanalyse entscheidende Veränderungen ihrer Zeit versäume: das Phänomen der durch die neuen Technologien entstandenen neuen Körper und die damit verbundene Neuordnung der Verwandtschaftsbeziehungen. Die Psychoanalyse beharre ungeachtet aller Neuerungen auf einer binären Geschlechtsordnung.

Keywords: Neue Körper, binäre Geschlechtsordnung, Vaterfunktion, Kastration

Veröffentlicht: 24.11.2021

Artikel als Download: pdfSexualität im gender-check

 

Das Thema „Sexualität und Geschlecht“, sex und gender ist für die Psychoanalyse ein Prüfstein erster Güte. An der Antwort darauf wird gemessen, was Psychoanalyse heute zu leisten vermag und wozu sie noch gut ist. (Das ist im Grunde nichts Neues, da über die Zeiten hinweg unterschiedliche wissenschaftlichen und kulturellen Neuerungen zu einem Update der Psychoanalyse aufgerufen haben; zuletzt ging dies von den Entdeckungen der Neurowissenschaften aus.) Nun also sind es die jüngsten Entwicklungen auf dem Feld der Sexualität, die belegen sollen, dass wir mitten in einer Veränderung stecken, einer Revolution, die, wie der Philosoph und Transmann Paul B. Preciado in Anlehnung an Bruno Latour meint, einer „Kopernikanischen Revolution“ in nichts nachsteht:

Dabei liegen die Anzeichen auf der Hand: Täglich entstehen neue Körper; gibt es neue Verwandtschaftsbeziehungen, Genealogien, die die Zentrierung auf die bisherige familiäre Konstellation Lügen zu strafen scheinen und ist eine stetig wachsende Zahl neuer sexueller Identitäten zu registrieren. Das alles, meint P. B. Preciado, spräche dafür, dass die Grundlage der psychoanalytischen Theorie, die These der binären Sexualität dem nicht mehr standhält.

In dem vorliegenden Beitrag wird nach der Berechtigung dieser Kritik gefragt: Wie steht es um die Bedeutung der Sexualität? Ist die Annahme der sexuellen Differenz tatsächlich der blinde Fleck psychoanalytischer Theoriebildung? Anders gefragt, sind Psychoanalytiker, Frauen wie Männer, aufgrund ihrer patriarchalen Ausrichtung tatsächlich, wie von P.B. Preciado behauptet, dagegen immunisiert, soziale Veränderungen wahrzunehmen, geschweige denn sie theoretisch wie praktisch geltend zu machen? Oder verhält es sich möglicherweise wie von der Psychoanalyse behauptet, dass Sexualität immer auch etwas Überzeitliches, Kulturunabhängiges, vielleicht Anthropologisches mit sich führt?

 

1. Unhistorizität – Unveränderlichkeit der Psychoanalyse

Freud und Lacan, den hier gewählten Referenzautoren in punkto Sexualitätstheorie, lässt sich nicht ohne weiteres nachsagen, dass sie unhistorisch argumentiert hätten. Freud jedenfalls hat nicht nur eine Anzahl kulturtheoretischer Schriften vorgelegt, vielmehr war er möglichen Veränderungen des Sexuallebens gegenüber stets aufgeschlossen: So kritisiert er nicht nur einmal die Sexualmoral seiner Zeit als unerträglich, zieht in Erwägung, ob ein nicht autoritärer, sondern liberaler Erziehungsstil das Liebesleben nicht freier gestalten würde und überlegt sogar, ob die seinerzeit noch undenkbare Trennung der sexuellen Lust von der sie einschränkenden Angst vor ungewollter Schwangerschaft nicht zur Entlastung des Liebenslebens führt (Freud 1930, S 234). Und was Lacan angeht, so stand ihm – in den sechziger Jahren – deutlich vor Augen, dass die Koordinaten der Sexualität sich bald derart verschieben könnten, dass das Begehren seine bisherige Intensität verliert (Lacan 2008). Berücksichtigt man außerdem, dass die Psychoanalyse überhaupt unter historischen Vorzeichen steht, insofern sie mit der Dekadenz des patriarchalen Referenten (Vater) einsetzt, haben wir in etwa den Rahmen, in dem nun einige Aussagen zum psychoanalytischen Sexualitätsbegriff befragt werden können.

Betrachten wir zunächst das Phänomen, das das Veralten, der Psychoanalyse beweisen soll, die neuen Kunstkörper, d.h. die durch Operationen und Hormongaben künstlich produzierten Körper.

Dazu lässt sich Folgendes anführen: An Künstlichkeit ist in der psychoanalytischen Sexualitätskonzeption grundsätzlich kein Mangel. Nicht nur, weil die Psychoanalyse – aufgrund ihrer Entstehungsbedingungen (s.o.) – die Flüchtigkeiten und Fragmentierungen der Moderne von Anfang an in ihre Konzepte aufnimmt (s. Dreiteilung des Seelenlebens), sondern sich solcherlei Fragmentierungen auch in ihrer Sicht auf den Körper wiederfinden. Für den Psychoanalytiker ist nämlich ein so abstrakt und allgemein definiertes Gebilde wie „der“ Körper stets ein Körper, der erst einmal hergestellt werden muss; was in Freudo-Lacanianischer Perspektive durch das Sprechen und die Sprache geschieht, bzw. dadurch, dass ein Körper stets von einem Netz an Signifikanten überzogen wird.

Ferner stellten die Hysterikerinnen von Anbeginn unter Beweis, dass der Körper, die Organe und einzelnen Körperzonen im Seelenleben unabhängig von Anatomie und Physiologie funktionieren und auch in punkto Affektivität eine autonome Bedeutung annehmen können: „Ihre Mine“, notiert Freud zu Frl. Elisabeth, „paßte nicht zum Schmerz“ (Freud 1895, S. 82). Die Organe sind vielmehr, wie eine frühe Feststellung Freuds lautet, aufgrund ihrer Prägung durch die Umgangs-Alltagssprache (langage) über das Physiologische hinaus bedeutungstragend.1 Zu Zeiten der Hysterie-Beobachtung wurde damit bereits klar, dass der Körper nicht einfach „natürlich“ ist, sondern, wie sich in Bezug auf die den Subjekten spürbare Andersheits- und Fremdheitserfahrung formulieren lässt, ein „Ding“ zwischen Physiologischem und Psychologischem, das vor allem auf dem Unbewussten beruht (Freud 1994, S. 67).

Die Vorstellung des Körpers ist also auf das Engste an die Entwicklungen des Sexualitätsbegriffs bei Freud gebunden, weshalb sich mit der Entdeckung der infantilen Sexualität aufs Neue beweist, dass Sexualität auch deshalb nichts Feststehendes oder Gegebenes ist, weil sie erst einmal entwickelt werden muss. Wobei sie auch als Entwicklungsprodukt nicht einfach das Ergebnis eines physiologischen Reifeprozesses ist, sondern wegen der sprachlichen Verfasstheit des Unbewussten als ein Übersetzungsprozess von Vorgängen des Körpers in die Sprache der Seele zu verstehen ist.

Im Zusammenhang der infantilen Sexualität wird das sexuelle Ensemble indessen weiter ausdifferenziert. Es wird deutlich, dass Sexualität ganz unterschiedliche Ziele ansteuern kann: Einmal kann sie auf individuelles Lustgeschehen ausgerichtet sein, das andere Mal gattungsmäßige, auf Fortpflanzung gerichtete Ziele ansteuern. Wobei beidem, dem Lust- wie dem Reproduktionsziel, Gültigkeit zuzusprechen ist.

Unter dem Stichwort des Körpers öffnet sich das Spektrum sodann auf die Triebe und es beweist sich aufs Neue, welch komplexer, in sich fragmentierter Begriff Sexualität ihrem inneren Mechanismus nach ist2: Unter der Perspektive des Triebgeschehen ist man nämlich umgehend mit der Feststellung konfrontiert, dass es zweierlei Triebe gibt: Die Sexualtriebe und die Ichtriebe - Selbsterhaltungstriebe, bzw. wie in der späteren Ausarbeitung genannt, Sexualtriebe und Todestriebe. (Freud 1910) Gefolgt wird diese Gliederung von den Unterteilungen der sexuellen Aktivität selbst, die nach Freud in verschiedene Partialtriebe, – oraler, analer oder phallischer Art – zerfällt (Freud 1905). (Nicht unerheblich für die Einschätzung der aktuellen sexuellen Veränderungen ist die Beobachtung, dass sich die Partialtriebe in der Kindheit in Gestalt der polymorph-perversen Sexualität niederschlagen, beim Erwachsenen in der Regel auf die sog. Vorlust verschieben und in der Perversion erneut in den Vordergrund drängen.)

Die Diversifikation des psychoanalytischen Sexualitätskonzepts wird fortgeführt von den Schicksalen und Abwehrmechanismen der Triebe. Sie erreicht ihren Höhepunkt bei den Komponenten, in die der Sexualtrieb im Einzelnen zerfällt, d.h. wo er sich aufspaltet in die Komponenten von Drang, Ziel, Quelle und Objekt. Wobei letzteres, das Triebobjekt, deutlicher als die anderen Elemente, konzeptuell auf der Spur des Unbewussten liegt und die Bestimmung des Körpers verantwortet, d.h. sie aus jeglicher Positivbestimmung herausnimmt.3

Kurz gesagt: Auf der Grundlage der Triebe stellt der Körper – Geschlechtskörper, Triebkörper – kein einheitliches, geschlossenes Gebilde dar, sondern entpuppt sich im Gegenteil als ein derart zerstückeltes Gebilde, das, weil es keine eigene Anziehungskraft besitzt, auf die Vermittlung fremder Begehren angewiesen ist, um überhaupt in Erscheinung zu treten.

Es liegt auf der Hand, dass ein derartiges Ausmaß an Mangelhaftigkeit nicht gerade Befriedigung verspricht, bzw. dass mit einem dissoziiert zerstückelten Geschlechtskörper wie dem geschilderten und einer durch die Triebe zerteilten Sexualität schwerlich ein Glück zu machen ist. Freud notiert dementsprechend: „Das Sexualleben des Kulturmenschen ist doch schwer geschädigt, es macht mitunter den Eindruck einer in Rückbildung befindlichen Funktion, wie unser Gebiss und unsere Kopfhaare als Organe zu sein scheinen. Man hat wahrscheinlich ein Recht anzunehmen, dass seine Bedeutung als Quelle von Glücksempfindungen, also in der Erfüllung unseres Lebenszweckes, empfindlich nachgelassen hat.“ Und er fährt fort: „Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Befriedigung und dränge uns auf andere Wege.“ (Freud 1930, S. 234).

 

2. Psychische Funktion und/oder Kultur?

Für den Psychoanalysekritiker Paul B. Preciado kommen solche Unterscheidungen nicht in Betracht, ist für ihn doch unbestritten, dass die kulturellen Einflüsse, bzw. das Nichtbeachten von Veränderungen für die Misere der Gegenwart, einschließlich des Sexuellen verantwortlich sind (Preciado 2020). Laut Preciado liegt der Hauptfehler in der patriarchalen Verfestigung der Gesellschaft im Allgemeinen und in der im Grunde zwar überholten, aber weiterhin wirkmächtigen phallologozentrischen Ausrichtung von Kultur und Psychoanalyse. Letzteres, die patriarchale Verfasstheit – ein Dauerthema feministischer Psychoanalysekritik – kommt jetzt unter neuen, queeren Vorzeichen zurück und nimmt sich bei Preciado folgendermaßen aus:

Anlass ist die Feststellung von der allgemeinen Krise der Gegenwart, die unübersehbar offen zu Tage liegt: Die traditionellen Formen der Politik sind am Ende, ähnlich wie die Systeme der Wahrheitsproduktion an Glaubwürdigkeit verloren haben, dennoch ist das Gewalttätige der patriarchalen Mechanismen weiterhin wirksam. Verfestigt wird diese Ordnung nämlich von Oppositionsbildungen und Dualismen, die alle Bereiche des sozialen Lebens mit Gewalt durchziehen, insofern sie alles in zwei Hälften teilen: Mensch oder Tier, Mann oder Frau, Leben oder Tod. Überhöht werde sie zusätzlich durch das Ideal „weißer Männlichkeit“ – des „souveränen, weißen, heterosexuellen, gesunden, samenspendenden Körpers“ (Preciado 2020) –, das geradezu zur Inkarnation politischer Souveränität und Gewalt erhoben sei. Selbst wenn heutige Ordnungen nicht mehr wie zu Freuds Zeiten mit Disziplinarinstitutionen und Lustverboten regierten (Foucault), sondern auf einem Ensemble biomolekularer Techniken und der Dauerproduktion von Lust beruhten, gelte weiterhin der Glaubenssatz von der heterosexuellen, „rassifizierten, kolonialen“ Geschlechtsdifferenz und zwar auf eine Weise, dass sie zu leugnen gerade so ist, „als hätte man im Mittelalter die Leibwerdung Christi geleugnet (…) oder im 15. Jahrhundert dem König ins Gesicht gespuckt“ (Preciado, 2020).

Allerdings – und hier ist der Angelpunkt dieser queeren Diagnose – muss es heute nicht mehr dabeibleiben, denn jetzt gibt es Mittel und Wege, mit denen sich die heterosexuelle, politische Zwangsherrschaft auflösen lässt. Mit moderner Technik und dem entsprechenden theoretischen Denken stehen Möglichkeiten einer selbstbestimmten Geschlechtsbildung offen, steht selbst der Reproduktion von reproduktionswilligen Minderheiten (von Asexuellen, Homo- und Transsexuellen) nichts mehr im Wege und verliert sogar der Glaubenssatz der binären, sexuellen Differenz seinen Absolutheitscharakter. Preciado stellt deshalb den Einsatz von Technik nicht in Frage, sondern befürwortet im Gegenteil, und zwar mit Leidenschaft, die technologische Aufrüstung des Körpers.

Das Selbstexperiment soll den Beweis erbringen, dass die physiologisch bedingten Geschlechtsgrenzen mittels Biotechnologien tatsächlich überwindbar sind. Konkret gesagt, dass ein Körper, wie der der Biofrau „Beatrice“ durch Hormongaben zu einem männlichen Körper werden kann. Neben dem auf bewegende Weise geschilderten Vorgang einer Geschlechtsumwandlung ist dabei bezeichnend, in welcher Weise die Verbindung von Technischem und Organischem gedacht und benannt wird. Soll heißen, die Hormone, die der Frauenkörper von Beatrice nicht zur Verfügung stellt, werden durch eine kleine Flasche mit 250 Milligramm Testosteron ersetzt, die die Transformationswillige im Rucksack mit sich herumträgt. Preciado begreift das Fläschchen als ihre/seine „Hoden“, versteht sie im Sinne ANT aber nicht als ein ihr/ihm individuell zugehöriges Organ, vielmehr als ein „politisches, kollektiv erfundenes Organ“ (Preciado 2020).

Im Unbehagen in der Kultur kommt Freud auf das Thema der technischen Aufrüstung des Körpers zu sprechen. Unter dem geflügelten Wort des „Prothesengottes“ skizziert er frühe Formen der Hybridisierung, – die Erweiterung der auditiven Sinneserfahrung durch das Telefon, der motorischen Reichweite durch das Flugzeug oder des Gedächtnisses durch die phonographischen Möglichkeiten des Grammophons etc. – und wägt die Vor- und Nachteile der technischen Fortschritte ab. Selbstredend ist Freud technologisch dabei auf dem Stand seiner Zeit, das heißt, er versteht Technik im Werkzeugsinn und als Organverlängerung oder Kompensation mangelhafter Körperausstattung: „Mit all seinen Werkzeugen vervollkommnet der Mensch seine Organe – die motorischen wie die sensorischen – oder räumt die Schranken für ihre Leistungen weg“. (Freud 1930, S. 221) In dieser Perspektive kommt Freud zu dem Schluss, dass die Nachteile der Technik ihren Gewinn letztlich überwiegen, da die Absicht, dass der Mensch glücklich ist, sei im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen sei (Freud 1930, S. 208). Die Frage stellt sich indessen, ob die neuen Technologien an dieser Diagnose nicht doch grundlegend etwas verändert haben?

Mit Preciado muss die Frage eindeutig bejaht werden. Als Anhänger der Akteur-Netzwerktheorie, der ANT, ist für ihn unbestritten, dass Technik heute völlig neu gedacht werden muss. Zwar mag sie weiterhin eine Ergänzung der menschlichen Sinnes- und Körpererfahrungen darstellen, dennoch ist sie mit Freuds Kompensationsidee nicht mehr vergleichbar. Moderne Kompensationstechnik schafft weitaus komplexere Zusammenhänge, da sie aus Elementen verschiedenster Art zusammengesetzt ist – organischen, anorganischen, technischen, sozialen u.a.m. Vor dem Hintergrund technischer Möglichkeiten, die mit dem Körper verschmelzen (Neuroimplantate), geht Preciado mit Technikphilosophinnen und Philosophen wie D. Harraway und B. Latour deshalb davon aus, dass die Trennung zwischen den Kategorien Mensch und Technik als aufgehoben betrachtet werden kann und die Ergänzungsidee von körperlicher Mangelhaftigkeit jetzt durch eine Logik des Verknüpfens und Verflechtens – von Körper und Technik – abgelöst ist. Wo menschliche Körper und Technik also ununterscheidbar geworden sind, scheinen in der Tat neue Konstruktionen, neue hybride Wesen möglich. Genau gesagt handelt es sich allerdings um Systeme, in denen menschliche Individuen nur mehr eine Entität unter anderen darstellen (s.o.). Dennoch scheint damit Vieles verändert: Die Stigmatisierung defizitärer Körper, einschließlich der weiblichen Mangelsexualität scheint damit der Vergangenheit anzugehören, ebenso wie sich ungeahnte Möglichkeiten morphologischer Selbstbestimmung abzeichnen. Perspektivisch gedacht könnten, bedingt durch ein neues Wahrnehmen und Fühlen, sogar neue Formen von Gemeinschaft denkbar werden und sähe die Welt damit grundsätzlich veränderbar aus.

Weil Utopien indessen immer eine Kehrseite haben, hat auch dieses technikaffine Emanzipationsdenken seinen Preis. Bei allem Bestreben, die Menschheit freier und glücklicher zu machen, passt es, wie die Kulturphilosophin Karin Harrasser anmerkt, nämlich merkwürdig gut zum neoliberalen Imperativ der Selbstoptimierung. Psychoanalytisch betrachtet kommt hinzu, dass in den Komplexitäten der Verknüpfungslogik für ein Subjekt des Unbewussten letzten Endes kein Raum mehr ist und von einem menschlich zu nennenden Subjekt kaum mehr die Rede sein kann. Das menschliche Individuum ist eben eine Entität u.a. geworden. Überflüssig zu sagen, dass, was die Psychoanalyse angeht, sie ihre Zukunft damit hinter sich hätte.

Da wir aber der Meinung sind, dass damit das Kind mit dem Bade, bzw. das Subjekt mit der Theorie ausgeschüttet wäre und wir die Psychoanalyse weniger für veraltet als vielmehr für missverstanden halten, folgt jetzt der zweite Kritikpunkt, der den psychoanalytischen Sexualitätsbegriff in Abrede stellen soll, das genealogische Argument.

 

3. Ödipus – genealogisch

Gehen wir über zum zweiten Argument, das den psychoanalytischen Sexualitätsbegriff in Abrede stellen soll: Das genealogische Argument. Wie es heißt, führen Verwandtschaftsbeziehungen heute vor Augen, dass mit dem alten Ödipus kein Staat mehr zu machen ist (Erdmann 2019).

Argumentativ ist der Einwand schnell zu entkräften. Denn wenn mit den neuen Verwandtschaftsbeziehungen die sog. Regenbogenfamilien gemeint sein sollten sowie die unter gleichgeschlechtlichen Paaren in vielen europäischen Ländern – westeuropäischen Ländern wohlgemerkt – mittlerweile rechtlich anerkannte Verbindung der „Ehe für alle“, dann haben sich die Verwandtschaftsverhältnisse entgegen dem Anschein nicht wirklich verändert. Verwandtschaftsbeziehungen waren nämlich immer schon vielgestaltig, da sie nie rein biologisch begründet waren und nie ausschließlich auf die Beziehung zwischen biologisch verschiedenen Individuen, von Mann und Frau aufbauten.4 Trotzdem ist in den neuen Verwandtschaftsbeziehungen ein revolutionär neues Moment inbegriffen. Es besteht in dem Umstand, dass Fortpflanzung jetzt nicht mehr an die Beziehung zwischen Mann und Frau gebunden zu sein scheint, sondern unabhängig vom Geschlechtergegensatz möglich ist. Womit in technologischer Sicht die für die Psychoanalyse wichtige Geschlechtsdifferenz ausgehebelt zu sein scheint!

Eher nebensächlich, da rein die Lustempfindung betreffend, scheint dabei der Umstand, dass Sexualität im Gegensatz zu früher – wo sex ohne Lust der Normalfall war – jetzt ohne Angst praktiziert werden kann. (Roudinesco 2008) Von den Nachteilen, die dabei für den Lustgewinn entstehen, berichtete vor Kurzem eine Patientin, für die sich wegen der Menopause das Fortpflanzungsziel auf natürliche Weise erübrigt hatte. Doch das ist nicht das Hauptargument gegen die den Ödipuskomplex infrage stellenden, neuen Verwandtschaftsbeziehungen. Wesentlicher als der scheinbar garantierte Lustgewinn ist der Verdacht, dass mit dem Überflüssigwerden der gelebten sexuellen Differenz die Geschlechtsbeziehung eine neue, selbstbestimmte Basis bekommt. Was P. B. Preciado unter dem Stichwort von der „kopernikanischen Revolution“ behauptet!

Spätestens an dieser Stelle lohnt es, sich die Qualitäten des alten Ödipuskomplexes samt dazugehörigem Kastrationskomplex in Erinnerung zu rufen. Wegen der Bekanntheit des Themas mag genügen, dass der Ödipuskomplex als die Schaltstelle der Geschlechtsbildung gilt, obwohl er schon bei Freud nicht auf die konjugale Kleinfamilie beschränkt war, sondern bereits ein strukturelles Konfliktgeschehen darstellte. Ein Konfliktgeschehen genau gesagt, in dem sich zwei Positionen gegenüberstehen: die libidinösen Objektbesetzungen - Liebesregungen für Mutter und Vater - und die individuelle, narzisstische Körperlust.

Mit Lacan hat sich die Perspektive auf den Ödipuskomplex indessen verschoben. Zum einen aufgrund der Einführung eines neuen Eigenbegriffs, des Genießens, der „jouissance“. Zum anderen, weil der Ödipuskomplex bei Lacan als verzichtbar gilt. Lacan nennt ihn „Freuds Traum“ und räumt alle aufkommenden Zweifel aus, dass er eine „Mama-Papa-Kind-Geschichte“ sein könnte. Stattdessen rückt nun ein anderer – nicht weniger strittiger – Faktor in den Vordergrund, die Kastration, d.h. die ehemals vom Veto des Vaters abgeleitete Funktion. Bei Lacan wird sie weitestgehend entimaginarisiert, d.h. von möglichen Assoziationen abgelöst und erweist sich jetzt als ein mathematisierter, logifizierter Faktor. Psychoanalytisch liegt der Ball damit immer noch auf dem Feld der Kastration, die nun aber – das muss ergänzt werden – als eine sprachliche Operation firmiert! Was ist damit gewonnen?

 

4. Gründe für die Unverzichtbarkeit der Kastration

Aus Gründen der Anschaulichkeit muss an dieser Stelle noch einmal auf die Vaterfunktion zurückgekommen werden. Mit der Vaterfunktion ist in der Regel die Trennung des Kindes von der Muttereinheit verbunden, anders gesagt die Aufgabe, in die vermeintliche Sicherheit der Mutter-Kind-Beziehung Unbestimmtheit und Unsicherheit einzuführen. (Freud nannte diese Operation das „pater incertus est“.) Die Lacansche Geschlechtskonstruktion macht von dieser Bestimmung keine Ausnahme, obwohl sie die Funktion der Unsicherheit nun umdefiniert und auf das Feld des Sprechens und der Sprache verlegt, also in eine Benennungsfunktion umwandelt. (Außerdem bezieht sie sich nun auf die Trennung vom mütterlichen Genießen.)

Daneben hat die paternelle Funktion weitere Vorzüge. Sie hat sich nämlich nicht zuletzt als eine Autoritätsform bewährt, in der sie eine Ausnahmeposition einnimmt. Mit dieser Ausnahmeposition hat es etwas Besonderes auf sich. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie eigentlich ein Fake, ein semblant ist. Es handelt sich nämlich um eine Ausnahme, die nicht, wie üblich – eine Ausnahme begründet eine Regel – irgendwelche Begründungskraft besitzt. Durch die väterliche Position – wie Freud sie in „Totem und Tabu“ als Sonderposition des Urvaters niederlegt – entsteht im Gegenteil keine Regelhaftigkeit. Die Ausnahmestellung und die Konsequenzen an Ethik und Moral, die die Nachfolgegeneration aus dem Kampf gegen sie ableiten, beruhen beide auf puren Unterstellungen. Sie sind reines Kopfkino. Denn, so Lacan, der Ausnahmevater steht nur logisch, nicht wirklich, außerhalb des phallischen Diskursallgemeinen. In Wahrheit steht er den anderen Sterblichen in Nichts nach. Die Sache ist nur die, dass er für die anderen trotzdem eine Ausnahme verkörpert. „Der Vater ist die Ausnahme, die keine gründende Annahme des Allgemeinen ist, sondern eine Ausnahme, die in ein Allgemeines verpackt ist. Bzw. er ist das Allgemeine, das in der Ausnahme verkörpert wird.“ (Zizek1999) Die Sache mit dem Vater entpuppt sich also als ein Schmuh, ein „fauler“ Zauber“! Als ein Zauber jedoch, der höchst produktive Auswirkungen auf die Ausbildung der Geschlechtssubjektivität hat.

In der Wirkung stellt sich nämlich das Folgende her: Durch den semblant der „Vater-als-Ausnahme-Begründung“ erhält das Geschlechtssubjekt den notwendigen Anstoß zum Realen. D.h. eine Wendung zu dem, was nicht geht, nicht klappt und psychisch nicht aufgeht. (Mit Freud könnte man von der Konfrontation mit einem „Entzug“ an Realität sprechen.)

Konkret wird das für die Geschlechtssubjekte auf zweierlei Weise spürbar: Zum einen schmerzlich und negativ, weil damit dem primären Genießen eine Grenze gezogen wird. Zum anderen positiv, weil gleichzeitig Libido und Lust auf der Höhe gehalten werden. Denn, wie Freud in den kulturkritischen Schriften notiert: „(Aber auch) die uneingeschränkte Sexualfreiheit von Anfang (an) führt zu keinem besseren Ergebnis. Es ist leicht festzustellen, dass der psychische Wert des Liebesbedürfnisses sinkt, sobald ihm die Befriedigung bequem gemacht wird. Es bedarf eines Hindernisses, um die Libido in die Höhe zu treiben, und wo die natürlichen Hindernisse gegen die Befriedigung nicht ausreichen, haben die Menschen zu allen Zeiten konventionelle eingeschaltet, um die Liebe genießen zu können.“ (Freud 1912, 207).

Ich füge an dieser Stelle hinzu, dass die mit der Ausnahmeposition verbundene, einschränkend lustsichernde Art der Geschlechtsbildung nicht mehr die Regel ist, und die ehemals damit verbundenen Folgen dem Subjekt jetzt selbst aufgebürdet werden. Als Beleg für die Probleme, die daraus resultieren, ließe sich das allgemeine Anwachsen an Aggressivität anführen, das nicht unwesentlich mit der Diskreditierung der Ausnahmeposition zusammenhängen dürfte.

 

5. Binäre Epistemologie der Psychoanalyse und psychoanalytischer Geschlechtsdualismus

Ich komme zum letzten von P. B. Preciado aufgeworfenen Kritikpunkt, der besagt, dass die Psychoanalyse unbeirrt eine binäre Epis-temologie verfolgt. Anders gesagt, dass sie aus dem männlich-weiblich Binarismus nicht herausfindet.

Ich beginne mit einer klaren Bejahung der Kritik: Ja, die Psychoanalyse bleibt dem Binarismus verhaftet, da sie unbestreitbar von der Existenz von zwei Geschlechtern ausgeht. Grund dafür ist allerdings nicht ihre vermeintliche Selbstimmunisierung gegen soziokulturelle Einflüsse und Veränderungen, sondern die Erkenntnis, dass es vaterlos, mutterlos, zumindest in der Fortpflanzung eben nicht geht. Selbst bei den biotechnologisch unterstützten Verfahren der IVF, mit denen zwei Frauen oder zwei Männer ihren Kinderwunsch umsetzen, kommt der große Dritte, Lacans großer Anderer, ins Spiel und ist die Vaterfunktion, der Vater weiterhin beteiligt. Das ist zwar ein Vater zweiter Ordnung, dennoch ist der aus dem Szenario nicht wegzudenken. Und zwar aus dem Grund, weil nach psychoanalytischer Logik ein Kind im Kinderwunsch stets der metonymische Ersatz für den Phallus bleibt, der einer Frau oder einem weiblich identifizierten Mann vom eigenem Vater verweigert wurde. Hinsichtlich der Position des Vaters wäre also weiterhin gültig, was Freud in Massenpsychologie und Ichanalyse festhält, dass die Identifizierung mit dem Vater die erste Bindung überhaupt ist (Freud 1921).

Eine weitere Bejahung der Binarismusthese folgt aus der Beobachtung, dass Freud den Geschlechterdualismus im Ödipuskomplex grundsätzlich als gegeben ansetzt, durch die Ungleichheit seiner Geschlechterkonstruktionen sogar verstärkt, auch wenn er ihn durch die Behauptung von der einen – missverständlicherweise „männlich“ genannten – Libido letztlich konterkariert und vereinseitigt.5

Auch Lacan geht von der Aufteilung in zwei Geschlechter aus und sympathisiert auf ähnliche Weise mit ihrer Ungleichheit, genauer gesagt Dissymmetrie, wie Freud. Indessen erfährt das Geschlechterverhältnis bei ihm ein zeitgemäßes Update, was in erster Linie auf die Aufwertung der Frauenseite zurückgeht und durch die Akzentuierung einer neuen Dimension, der des Realen, zustande kommt.6

 

6. Eingeschränkte Gültigkeit des sexuellen Binarismus

Es deutet sich also an, dass die sexuelle Bipolarität für die psychoanalytische Sexualitätskonstruktion nur von bedingter Bedeutung ist. Zunächst aus dem Grund, weil (s.o.) die Geschlechtsbildung mittels Kastration und Phallus als ein pures Illusionstheater anzusehen ist, als ein Schein, eine imaginäre Bildung. Denn vom Unbewussten aus gedacht existieren nicht zwei Geschlechter, ein männliches und ein weibliches, sondern gibt es im Grunde nur ein einziges Sexuelles, das vom Realen der Kastration ausgeht. Streng genommen wäre deshalb von einem sexuellen Unarismus zu sprechen.

Die These vom sexuellem Binarismus der Psychoanalyse ist aber auch deshalb nicht stimmig, weil nach Lacanscher Logik – den sog. Sexuierungsformeln – die binären Begehrenspositionen „weiblich - männlich“ notwendigerweise in Beziehung zu einer Ausnahmeposition stehen. (Lacan 1971/72). Bei Freud wird diese Position in Gestalt des mythischen Ausnahmevaters, Urvaters verankert (s.o.), bei Lacan wird sie in mathematischen und logischen Begriffen niedergelegt und damit entimaginarisiert. Mit beiden Operationen soll gleichermaßen angezeigt sein, dass Geschlecht mit wesenhaften biologischen Gebilden nicht gleichzusetzen ist, ebensowenig wie es als monadische, individuell begrenzbare Entitäten gelten kann. Vielmehr werden die zwei Geschlechter untrennbar aneinander gebunden verstanden und zwar dergestalt, dass ohne „weiblich“ nicht von „männlich“ und ohne „männlich“ nicht von „weiblich“ die Rede sein kann: („Das Begehren ist das Begehren des Anderen“.) Wobei hinzukommt, dass die eine Seite die Kastration der anderen besorgt und genau darüber die beidseitige Verbindung verläuft.

Man könnte nun befürchten, dass mit der Sonderstellung des Einen, Freuds „männlich“ genannte Libido zu neuen Ehren kommt. Diesem Verdacht kann zweierlei entgegengehalten werden: Die binäre Attribuierung stellte schon für Freud nichts weiter als eine Ersatzbezeichnung dar, die sich im Zusammenhang mit den Begriffen von „aktiv-passiv“ anbot und aus Konventionsgründen für den „männlich und weiblich“ Gegensatz eingesetzt wurde. (Bei dem Rückgriff auf solche Ersatzworte zeigt sich nebenbei, wie wichtig die Umgangssprache für die kulturhistorische Attribuierung ist.)

Zum anderen lautet der Einwand, dass es, wie erwähnt, an Sexuellem zwar nur das Eine gibt, dieses aber im Unbewussten nicht abbildbar ist (Freud) bzw. das, wie Lacan formuliert, an sich nicht existiert. („le rapport sexuel n´existe pas.“) Erwähnenswert ist ferner, dass mit dem Ein weder eine empirische Männlichkeit konsolidiert werden soll, noch eine metaphysische Dimension etabliert. Das „Ein“ Lacans weist vielmehr – im Sinne der Logik – auf die Unvollständigkeit oder Antinomien von Sprache und Aussagen hin, bzw. die des Symbolischen und der sexuellen Beziehung.7

Zweitens stimmt die These von der binären Geschlechtsepistemologie nicht, weil in psychoanalytischer Perspektive das Geschlecht nicht „gemacht wird“. Im psychischen Register ist das Geschlecht nicht sozial-kulturell konstruiert, es ist nicht „gegendert“. Weshalb man streng genommen also nicht zur Frau „wird“, wie Simone de Beauvoir das erfolgreich vorbuchstabiert hat. Es sieht genau genommen anders herum aus: Das Geschlecht ist etwas, das eröffnet wird, zu dem ein Zugang gebahnt werden muss! Das geschieht mit den bekannten, vielfach inkriminierten Mitteln von Kastration und dem Phallus, die deshalb als Türöffner zum unbewussten Realen zu verstehen sind, insofern sie das Reale des Geschlechts überhaupt eröffnen. Als Werkzeuge der Geschlechtsbildung übernehmen Kastration und Phallus aber noch eine weitere Funktion: Sie stellen zusätzlich einen Schutz vor der Wahrheit dar, dass das Geschlecht – ähnlich wie der Tod – im Unbewussten ohne Grundlage ist. Durch diese Schutz- oder Abwehrfunktion – von Kastration und Phallus – soll die Erkenntnis erträglich werden, dass die Wahrheit des Geschlechts an sich nicht existiert. Im Extremfall schützt sie auch vor dem Zusammenbruch einer Psychose. Daneben trägt sie dazu bei, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass es vielleicht doch eine Wahrheit gibt, z.B. eine freiere, bessere, befriedigendere Sexualität. Diese Hoffnung auf glückliche, harmonische Verhältnisse ist in ihrer Bedeutung m.E. nicht zu verachten. (Man denke nur an das vermehrte Auftreten von Phänomenen wie der Asexualtität, die möglicherweise aus der entsprechenden Hoffnungslosigkeit abzuleiten sind.)

Die Antwort auf die Binarismuskritik und den vermeintlich überholten „männlich-weiblich“ Dualismus der Psychoanalyse könnte also folgendermaßen lauten: Der Geschlechterdualismus ist eine Verlegenheitslösung für die „Wahrheit“ des Geschlechts, die Freud nicht auf den Begriff zu bringen vermochte, weshalb er verleitet war, sie zwischen dem Physiologischen und Psychologischen anzusiedeln. Mit Lacan lässt sich hinzufügen, dass Freuds Lösung nicht auf ein „szientistisches Selbstmißverständnis“ zurückgeht, sondern damit zu tun hat, dass das Geschlecht – um es zu wiederholen – im Unbewussten keinen Rückhalt besitzt.

Es stellt sich abschließend allerdings die Frage, ob der Geschlechterdualismus, weil er nun Schein, ein semblant ist, in der Beurteilung vernachlässigt werden kann? Grenzt solche Auffassung nicht an blutleere Abstraktionen? Wenn auch das Leben ein Traum, bzw. die Diskurswirklichkeit grundsätzlich ein Schein ist, macht dann nicht die Scheinebene „all the difference“? Eine Entscheidung in der Frage ergibt sich mit Blick auf Lacans ethische Begründung der psychoanalytischen Praxis. Für diese gilt als ein Ziel, dass die Geschlechtssubjekte auf der Höhe des „Realen“ ankommen. In Umkehrung des Freud’schen Satzes vom Ich und dem Es ließe sich also sagen: „Wo Ichsubjekte waren, sollen im Fall des Geschlechts Es-Subjekte werden!“ – Wesen also, denen die Fähigkeit und Kraft, sich als Ichidentitäten zu verlieren, nicht gänzlich abhandengekommen ist.

 


1 Vgl. dazu die wegweisende frühe Schrift: „Quelques considérations pour une étude compérative des paralysies“. Stichwort: affekttragende Organe.

2 Die Auffassung, dass Sexualität Triebsexualität ist, wird in der heutigen Diskussion zunehmend in Frage gestellt. Vgl. dazu M. Ermann, Identität und Begehren.

3 Gemeint ist hier das Unbewusste als negative Größe, als ein Ungewusstes, dieses negativiert den Körperbezug.

4 Verwandtschaftsbeziehungen sind laut Anthropologen ein begriffliches Ordnungssystem, in dem differente Beziehungen geregelt werden: leiblich-biologische Beziehungen wie auch Patenschaften und spirituelle, geistige Verwandtschaften (Klosterschwester, Brüder im Geiste u.a.m.) Die Familie stellte immer nur einen Sonderkomplex dar. Grundsätzlich ist auch sie als ein symbolisches Vertragsverhältnis, Tauschverhältnis. Ein Tauschverhältnis genau gesagt, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch die konjugale Kleinfamilie bestimmt wurde, die bis dato auf der Ehe zwischen Mann und Frau, also biologisch verschiedenen Individuen beruhte, die ihrerseits durch eine symbolische Filiation ergänzt wurde.

5 Die Geschlechtsbildung beim Mädchen soll von der Kastration ausgehen und erst danach im Ödipuskomplex landen. Beim Knaben geht sie nach Freud vom Ödipuskomplex aus und wird durch den Kastrationskomplex beendet.

6 Vgl. dazu Seminar 19, Ou pire, Sitzung vom 12. Januar 1972.

7 Zur weiteren logischen Ergründung der Funktion des Ein, vgl. Lacans Seminar 19, ou pire.

 

Literaturverzeichnis

Beauvoir, Simone (1960): Das andere Geschlecht. Reinbek: Rowohlt.

Erdmann, Michael (2019): Identität und Begehren. Zur Psychodynamik der Sexualität. In: Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik. Hg. von Michael Erdmann und Dorothea Huber. Stuttgart: Kohlhammer.

Freud, Sigmund (1894): Die Abwehr-Neuropsychosen. Gesammelte Werke I. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund (1895): Studien über Hysterie. Gesammelte Werke I. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund (1905): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Studien-Ausgabe Bd. V. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund (1912): Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Studien-Ausgabe Bd. V. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund (1915): Triebe und Triebschicksale. Studien-Ausgabe Bd. III. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund (1921): Massenpsychologie und Ichanalyse. Studien-Ausgabe Bd. IX. Frankfurt am Main: Fischer.

Freud, Sigmund (1930): Das Unbehagen in der Kultur. Studien-Ausgabe Bd. IX. Frankfurt am Main: Fischer.

Harrasser, Karin (2014): „Wieviel Technologie ist im Laufschuh? Gespräch zwischen K. Harrasser, Henriette Gunkel, Olaf Stieglitz“. In: Body Politics 2 (2014), Heft 3, S. 39–44.

Lacan, Jacques (1972): Ou pire, Seminar 19 (unveröffentlicht).

Lacan, Jacques (2008): Die Übertragung. Das Seminar, Buch VIII. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Wien: Passagen.

Preciado, Paul B. (2020): Ein Apartment auf dem Uranus. Chronologie eines Übergangs. Mit einem Vorwort von Virginie Despentes und übersetzt von Stefan Lorenzer. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Preciado, Paul B. (2020): Je suis un monstre qui vous parle. Rapport pour une académie de psychanalystes. Paris: Grasset.

Roudinesco, Elisabeth (2008): Die Familie ist tot – Es lebe die Familie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Seifert, Edith (2008): Seele-Subjekt-Körper. Psychoanalyse in Zeiten der Neurowissenschaft. Gießen: Psychosozial Verlag.

Žižek, Slavoj (1999): Liebe Deinen Nächsten? Nein, Danke. Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoderne. Berlin: Volk und Welt.